Helmut Schmidt – warum Regelbrecher im Leben weiter kommen…

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Es war heiter bis wolkig. In der kleinen Kirche wartete der Sarg aus Kiefernholz (Modell 135HK, 1045 Euro), durchschnittlicher Blumenschmuck, durchschnittliches Ambiente, durchschnittliche Gäste. Leises Flüstern, hier und da ein Schluchzer.

Es waren nicht sonderlich viele gekommen. Aber es blieben auch nicht viele Plätze frei. 78 Jahre alt ist Peter Mustermann geworden. Dann setzt die kleine Orgel ein und die drei Herren aus dem Chor beginnen zu singen. Es folgt eine Bibelstelle, ein weiteres Trauerlied.

Schließlich spricht der Pfarrer: „Liebe Angehörige. Sie haben einen wichtigen Menschen verloren. Wir verabschieden uns heute von unserem geliebten Freund, Ehemann, Bruder und Vater Peter Mustermann. Wer war er, dieser liebe Mensch? Unvergessen wie er lächelte, wenn ihn seine Enkel besuchten. Wir erinnern uns an seine Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft. Jeden Samstag hat er pünktlich den Gehweg gekehrt, hat die Nachbarn stets freundlich gegrüßt und war auch sonst immer genügsam. Immer nett zu Kollegen und freundlich zum Chef. Lassen sie uns einen Augenblick schweigen für unseren Udo Mustermann“.

Die Rede klingt wie ein ausgefüllter schablonierter Lückentext bei www.beerdigungsrede.de. Der Pfarrer verwechselt den Namen, die Trauergäste sind sich auch gar nicht mehr alle so schlüssig was der Verstorbene beruflich gemacht hat. Naja, ist ja auch nicht so wichtig. Herausragendes geleistet hat der Verstorbene nämlich eh nicht.

Heute ist Helmut Schmidt gestorben. Einer der bedeutendsten Staatsmänner der Nachkriegszeit.

Ich kann ihn nur bewundern. Er hat immer gesagt was er gedacht hat, ohne darüber nachzudenken ob es anderen gefällt oder nicht. Angeeckt, kritisiert, geraucht wo er wollte ohne Rücksicht auf Verluste. Helmut Schmidt sitzt auf dem Thron des weisesten Deutschen, der größten Autorität unseres Landes. Rhetorik-König, Ratgeber, Lösungsfinder und Rebell. Ein wahrhaft bedeutender Mann: Er bezwang als Senator in Hamburg die 62er – Sturmflut, war einer der bedeutendsten Bundeskanzler, seit Jahrzehnten Mitherausgeber einer der angesehensten Zeitungen Deutschlands. Jahrzehntelang lang glücklich verheiratet und zählt zu den maechtigsten und kluegsten Männern der Welt.

Erfolgreicher geht es eigentlich nicht.

Helmut Schmidt wird keine mittelmäßige Trauerfeier bekommen. Der Blumenschmuck wird nicht mittelmäßig teuer sein, die Trauerlieder nicht die üblichen sein, der Pfarrer wird weder seinen Namen noch die die Trauerpredigt verwechseln. Die Nachrufe werden sicherlich weder langweilig, mittelmäßig, durchschnittlich oder gewöhnlich sein. Keiner wird den Eindruck haben, dass er sein Leben vergeudet hat. Es werden Sondersendungen geschaltet, ganz Deutschland trauert. Er hat aus der Zeit die er hatte das für sich bestmögliche herausgeholt. Er ist der Beweis dafür, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, dass er seine Träume gelebt hat.

Der überwiegende Teil der Menschheit hingegen wird eine Beerdigung wie die von Helmut Schmidt nie erleben.

Aber wieso leben die meisten Menschen wie Peter Mustermann und so gar nicht wie Helmut Schmidt? Warum leben beinahe alle Menschen in unserer Gesellschaft ihre durchschnittlich 28770 Lebenstage, die sie auf dieser Erde verbringen, so, als lebten sie nur einmal so zum Ausprobieren, so zum testen? Warum geben sich die meisten mit Mittelmaß zufrieden?

Mittelmäßig glücklich, mittelmäßig erfolgreich, mittelmäßig gut in fast allem. Aber nie wirklich überdurchschnittlich. Warum stehen die meisten auf aufgewärmten Durchschnittsbrei? Lauter Peter Mustermänner und kaum Helmut Schmidts. Ist es das was wir wollen? Ein durchschnittliches Leben?

Falls ja, ist das völlig in Ordnung. Jeder soll leben dürfen wie er oder sie möchte. Wer allerdings als Kind von einem anderen Leben geträumt hat, der sollte vielleicht nicht warten bis es rum ist. Vielleicht ist es ja nur eine Sache von Mut oder Feigheit, auf welcher Seite wir am Ende stehen…

In der Schule lernen wir, wie wir am besten regelkonform lernen und leben. So werden wir in das Leben entlassen und wissen, dass wir uns an Regeln halten müssen. Das tun wir auch brav. Wir widersprechen nicht dem Chef der uns schlecht bezahlt und respektlos behandelt. Wir backen den Kollegen Kuchen auch wenn sie uns täglich mobben. Wir grüssen freundlichst die Nachbarn auch wenn wir Ihnen manchmal gerne die Pest an den Hals wünschen würden und sitzen brav 8 Stunden auf dem Schreibtischstuhl ab, selbst wenn wir nach 5 Stunden mit unserer Arbeit bereits fertig sind. Hinterfragen können andere. Wir halten uns minutengenau an Mittagspausen, hinterfragen nicht, brabbeln Bildzeitung Seite 1 bis 5 nach und stimmen brav in Medienpropaganda ein (siehe Flüchtlingsdebatte).

Und dann gibt es noch diejenigen, die die Regeln nie beachtet haben, die hinterfragen, kritisieren, rebellieren, reflektieren, die infrage gestellt werden. Die, die von anderen belächelt, verachtet und vielleicht auch heimlich bewundert werden. Sie fallen aus dem Durchschnitt und aus dem System. Das sind diejenigen die erfolgreich werden oder Großartiges leisten.

Sie gründen Firmen, erfinden Branchen neu, werden Führungspersönlichkeiten und Vorbilder.

Regelbrecher erreichen ihre eigenen Ziele. Regelkonformisten die Ziele der anderen!

Ich meine damit nicht, dass wir ab morgen alle für das Kanzleramt kandidieren sollten, oder berühmt werden müssen, aber vielleicht können wir versuchen das beste aus uns herauszuholen was für uns möglich ist.

Also entscheiden wir: wollen wir Peter Mustermänner oder lieber Helmut Schmidts sein??

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4 Gedanken zu “Helmut Schmidt – warum Regelbrecher im Leben weiter kommen…

  1. Es hat nicht jeder das Zeug zum Leithammel, viele Mustermänner sind dankbar, wenn sie nicht unter der Brücke landen, und trotzdem vielleicht intelligenteren Kindern das Leben schenken. Damit haben sie schon etwas erreicht. Vielleicht sind sie zufrieden über das Erreichte, und nicht unglücklich über das Unerreichte. Vielleicht haben Sie aber auch nur Angst, von der h o h e n L e i t e r zu fallen. Menschen sind so unterschiedlich wie das Wetter…. In der Wüste hat man nur Sonne !!!!

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    • Lieber Wolfgang, vielen Dank fuer deinen Kommentar.

      Natuerlich gibt es zufriedene, glueckliche Mustermaenner. Meine Intention ist es auch nicht zu pauschalisieren. Ich will lediglich zum Nachdenken anregen. Wer mit dem was er tut happy ist,den kann ich nur von Herzen beglueckwuenschen. Ich moechte aber diejenigen ansprechen, die vielleicht schon seit laengerem spueren, dass das was sie leben nicht mit dem uebereinstimmt was sie wollen. Und waeren alle Menschen in Deutschland so unendlich happy als Mustermaenner zu leben, waere die Antidepressivaquote (Tendenz steigend) nicht so hoch;-)

      Liebe Gruesse

      Nina

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  2. Manchmal wirken deine Artikel, als wären Menschen, die „nur Durchschnitt leben“ nichts wert, bzw. dumm. Ich hoffe, du fragst diese Menschen manchmal, warum sie dieses Leben leben und warum sie kein anderes wählen 😉

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    • Das war nie meine Intention! Jeder Mensch hat für mich denselben Wert!!! Ich möchte nur dazu ermutigen zu leben was man leben will. Nicht was man leben soll.

      Meine Gedanken richten sich nur an diejenigen, die gerne ein anderes Leben führen würden.

      Danke dir für deinen Kommentar!!! Und noch eine tolle Woche;)

      Nina

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